
Das Seminar in Kroatien (6. bis 12. September 2025) war die zweite von sechs geplanten Aktivitäten im Rahmen des internationalen Projekts „European Culture(s) of Remembrance“, das in der Kooperation zwischen der Europäischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar (EJBW) und dem Verein Retrovizor aus Zagreb entwickelt wurde. Die Reihe von sechs geplanten Seminaren in sechs europäischen Ländern, die im März 2025 in Deutschland begann, wird im Frühjahr 2026 in der Tschechischen Republik fortgesetzt.
Die im Rahmen des Projekts European Culture(s) of Remembrance organisierten Seminare verbinden Studienexkursionen mit fachwissenschaftlichen Diskussionen und professionellem Networking unter Expertinnen und Experten aus den Bereichen Bildung und Zeitgeschichte. Durch die intensive Auseinandersetzung mit zentralen Fragen der Erinnerungskultur in den jeweiligen Gastländern bieten die Seminare Einblicke in lokale gesellschaftliche und politische Dynamiken in Europa. Gleichzeitig fördert der aktive Austausch der Teilnehmenden aus verschiedenen europäischen Ländern sowohl das Verständnis von aktuellen Dynamiken in anderen Ländern Europas, als auch eine kritische Reflexion gesellschaftlicher und politischer Dynamiken im eigenen Land.
Das zweite Seminar, das vom 6. bis 12. September in Kroatien stattfand, vereinte 22 Teilnehmende aus 12 europäischen Ländern. Dem Projektansatz folgend bot das Seminar nicht nur einen Überblick über zentrale Themen der kroatischen Erinnerungskultur, sondern auch Einblicke in öffentliche Debatten und Kontroversen in diesem Bereich. Der erste Programmteil fand in Zentralkroatien statt. Nach der Ankunft der Teilnehmenden in Zagreb am Samstag, den 6. September, begann das Seminar mit einführenden Aktivitäten, der Vorstellung des Programms sowie einer thematischen Einführung.
Am folgenden Morgen hielt der Seminarleiter, Dr. Boris Stamenić, einen Eröffnungsvortrag mit dem Titel Die kroatische Erinnerungskultur. Dabei wurden diejenigen Fragen bezüglich der Geschichte des 20. Jahrhunderts dargestellt, die die gegenwärtige kroatische Gesellschaft am stärksten polarisieren. Besonderes Augenmerk galt neueren Entwicklungen, etwa Wandmalereien und populärer Musik, die sich zunehmend als bedeutende Medien der Erinnerungskultur und -Politik etabliert haben. Am Nachmittag folgte ein Rundgang durch das Zentrum der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf Denkmälern im öffentlichen Raum und deren symbolischer Bedeutung im Kontext der kroatischen Erinnerungskultur.

Am Montag, den 8. September, begann das Programm mit einem Besuch am Institut für Sozialwissenschaften „Ivo Pilar“. Nach den Grußworten des Institutsdirektors, Prof. Dr. Željko Holjevac, hielt Dr. Danijel Vojak, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts und Mitglied der kroatischen Delegation bei der IHRA, einen Vortrag über Orte der Verfolgung und des Leidens der Roma während des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet des Unabhängigen Staates Kroatien. Vertieftes Wissen über den Samudaripen – den Völkermord an den Roma – erhielten die Teilnehmenden auch beim Besuch der Gedenkstätte Roma Memorial Center Uštica. Der Leiter der Gedenkstätte Danijel Velić präsentierte vor Ort die aktuellen Aktivitäten der Institution. Am Nachmittag erfolgte ein Besuch der Gedenkstätte Jasenovac mit anschließender Reflexion und Diskussion.

Am Dienstag, den 9. September, besuchte die Gruppe das Museum des Heimatkrieges Karlovac – Turanj, das den Umbruch Jugoslawiens und den Kroatienkrieg thematisiert. Der Museumsdirektor Juraj Horvatin stellte in seiner Präsentation die Aktivitäten des Museums vor, das mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen – von Schulklassen bis hin zu Kriegsveteranen – arbeitet. Anschließend führte der Museumspädagoge Sandro Vidoš die Teilnehmenden durch die Ausstellung. Nach der Ankunft in Rijeka tauschten sich die Teilnehmenden über ihre Eindrücke aus und unternahmen im Anschluss einen orientierenden Stadtrundgang.

Am Mittwoch, den 10. September, unternahmen die Teilnehmenden einen Ausflug nach Pula. Der Besuch widmete sich der Stadtgeschichte von Pula sowie der regionalen istrischen Erinnerungskultur im Kontext der kroatischen Erinnerungskultur. Am Vormittag besuchte die Gruppe das Denkmal für gefallene Kämpfer und Opfer des faschistischen Terrors am Tito-Platz sowie das Historische und Schifffahrtsmuseum Istriens. Am Nachmittag stand ein Besuch des SENSE – Transitional Justice Center auf dem Programm, das aus der ehemaligen SENSE Nachrichtenagentur hervorging, die die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) dokumentierte. Die Leiterin des Zentrums, Mina Vidaković, stellte die Arbeitsschwerpunkte vor, wobei der Fokus auf interaktiven Narrativen lag, die zeigen, wie die während der Kriege der 1990er-Jahre im ehemaligen Jugoslawien begangenen Verbrechen vor dem ICTY untersucht und juristisch aufgearbeitet wurden.

Am Donnerstagvormittag, den 11. September, besuchten die Teilnehmenden die Gedenkstätte Lipa pamti. Die Museumspädagogin Lorena Živković führte sie durch die Ausstellung sowie durch das Dorf Lipa, in dem am 30. April 1944 deutsche, italienische und tschetnische Truppen 269 Menschen, darunter 96 Kinder, ermordeten. Die Leiterin des Gedenkzentrums, Vana Gović, erläuterte die Aktivitäten der Einrichtung, die nicht nur der Bewahrung des Gedenkens an die Opfer des Massakers, sondern auch der Belebung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in der lokalen Gemeinschaft dienen.

Nach der Rückkehr nach Rijeka hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, die Stadt individuell zu erkunden, etwa die Burg Trsat zu besuchen, Titos Schiff Galeb im Hafen zu besichtigen oder einen Spaziergang durch das Stadtzentrum zu unternehmen. Das Seminar endete mit einer abschließenden Plenumsdiskussion, in der die Teilnehmenden ihre Reflexionen über die fünf intensiven Tage der Auseinandersetzung mit der kroatischen Erinnerungskultur teilten. Die Schlussbemerkungen deuteten auf eine große Zufriedenheit mit dem Seminar sowie auf den Wunsch hin, an zukünftigen Projektaktivitäten teilzunehmen. Am Freitag, dem 12. September, traten die Teilnehmenden die Heimreise an.
Die Ausschreibung für das nächste Seminar im Rahmen des Projekts European Culture(s) of Remembrance, das im März 2026 in der Tschechischen Republik stattfindet, wird bis Ende des Jahres auf der Website des Vereins Retrovizor veröffentlicht. Den Bericht über das im März 2025 durchgeführte Seminar Europäische Erinnerungskultur(en): Deutschland im Fokus finden Sie über den folgenden Link.
Das Projekt „Europäische Erinnerungskultur(en)“ wurde von Markus Rebitschek (EJBW, Weimar) und Boris Stamenić (Retrovizor, Zagreb) konzipiert. Das Projekt wird mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt.

