Europäische Erinnerungskultur(en): Griechenland im Fokus

Thematischer Rundgang durch Thessaloniki

Das vierte Seminar im Rahmen des Projekts „European Culture(s) of Remembrance“ fand vom 3. bis 9. Oktober 2026 in Griechenland statt. Das sechstägige Programm mit Besichtigungen historischer Orte und Gesprächen mit verschiedenen Akteuren in Thessaloniki und Umgebung bot Einblicke in eine komplexe und spannende Erinnerungs-landschaft, in der sich lokale, nationale und europäische Geschichte miteinander verweben.

Das Projekt „Europäische Erinnerungskultur(en)“ umfasst eine Reihe internationaler Seminare in verschiedenen europäischen Ländern. Im Mittelpunkt steht die öffentliche Darstellung der Vergangenheit in der lokalen Erinnerungskultur. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der musealen und denkmal-bezogenen Darstellung der Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie der Repräsentation nationaler Minderheiten und benachbarter Völker in der lokalen Erinnerungskultur.

Das Projekt wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungs-zentrum Weimar (EJBW) und dem Zagreber Verein Retrovizor konzipiert. Die 2025 mit Seminaren in Deutschland und Kroatien begonnene Veranstaltungsreihe wurde im März 2026 mit einem Seminar in Tschechien fortgesetzt, das in Zusammenarbeit mit dem Prager Verein Antikomplex organisiert wurde. Das Anfang Oktober 2026 in Griechenland abgehaltene Seminar wurde gemeinsam mit dem Verein Demotrust aus Thessaloniki organisiert.

Das Programm begann am Samstag, dem 3. Oktober, mit einem gemeinsamen Abendessen und einer Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen der Teilnehmenden. Am folgenden Vormittag wurde das Programm in einem Veranstaltungsraum auf dem Gelände der Aristoteles-Universität fortgesetzt.

Der weitläufige Campus der größten Universität Griechenlands, an der heute rund 88.000 Studierende eingeschrieben sind, wurde auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs von Thessaloniki errichtet. Dort waren seit dem späten 15. Jahrhundert Bestattungen vorgenommen worden. Die Zerstörung des Friedhofs, auf dem im Laufe der Jahrhunderte nahezu eine halbe Million Menschen beigesetzt worden waren, begann in der Zwischenkriegszeit. Der größte Teil der Anlage wurde während der nationalsozialistischen Besatzung Thessalonikis im Zweiten Weltkrieg zerstört.

2014 errichtetes Denkmal auf dem heutigen Campusgelände erinnert an den zerstörten jüdischen Friedhof

Am Sonntagvormittag, dem 4. Oktober, wurde das Programm mit der Vorstellung der Projektidee und des Seminarablaufs fortgesetzt. „Im Gegensatz zu den vorherigen Seminaren, bei denen wir zwei oder mehr Orte miteinander kombiniert haben, haben wir uns diesmal dafür entschieden, das gesamte Programm in Thessaloniki durchzuführen“, erklärte Boris Stamenić, Programmkoordinator des Projekts „Europäische Erinnerungskultur(en)“. „Thessaloniki ist eine äußerst wichtige Stadt, nicht nur für das Verständnis der griechischen Geschichte, sondern auch für die Geschichte der sephardischen Juden sowie des Byzantinischen und des Osmanischen Reiches. Die Stadt ist auch im Hinblick auf die Beziehungen Griechenlands zu seinen nördlichen Nachbarn von Bedeutung und war ein wichtiges kulturelles Zentrum in der Geschichte Südosteuropas. Darüber hinaus spiegelt die lokale Erinnerungskultur die Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie die jüngere Geschichte Griechenlands wider. Aus all diesen Gründen haben wir beschlossen, die sechs Seminartage der Erforschung Thessalonikis und seiner unmittelbaren Umgebung zu widmen“, erläuterte Stamenić.

Im Anschluss hielt Alexandros Poulakis, Doktorand im Fachbereich Public Policy an der Aristoteles-Universität, einen Einführungsvortrag über die griechische Erinnerungskultur. Er unterschied zwischen zentralen historischen Themen, über die im öffentlichen Raum Griechenlands ein breiter gesellschaftlicher Konsens besteht, und solchen, die die Gesellschaft polarisieren. Zu Letzteren zählte er in folgender Reihenfolge den Griechischen Bürgerkrieg (1946–1949), die Besatzung und den Widerstand (1941–1944), die Militärdiktatur (1967–1974), die türkische Invasion Zyperns (1974) sowie den Konflikt um den Namen und das historische Erbe Makedoniens.

Poulakis hob hervor, dass in Griechenland jeder Versuch, sensible außenpolitische Fragen auf politischem Wege zu lösen, dazu führe, dass kompromissbereite Politiker als „Verräter“ bezeichnet würden. Deshalb vermieden es die Vertreter der Exekutive während ihrer Amtszeit häufig, solche Fragen anzugehen, sodass Konflikte mit den Nachbarländern über Jahrzehnte ungelöst blieben.

Seminarteilnehmende am Eingang des Kriegsmuseums

Der Besuch des 1975 eröffneten Kriegsmuseums am Nachmittag bot Einblicke in die offizielle Darstellung der griechischen (Militär-)Geschichte durch die Hellenische Republik. Durch die Dauerausstellung führte ein griechischer Wehrpflichtiger, der dort die letzten Wochen seines einjährigen Pflichtwehrdienstes absolvierte. Die Ausstellung, deren Schwerpunkt auf Militäruniformen, Waffen und Ausrüstung liegt, umfasst den Zeitraum vom Beginn des Griechischen Unabhängigkeitskriegs (1821–1832) bis zu den heutigen Einsätzen der griechischen Streitkräfte im Rahmen der Vereinten Nationen und der NATO.

Der größte Teil des Museums ist dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Gezeigt werden militärische Ausrüstungs-gegenstände und persönliche Besitztümer griechischer, deutscher, italienischer und bulgarischer Soldaten sowie Gegenstände von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.
Eine weitere Ausstellung im Untergeschoss ist Sofia Vembo gewidmet, einer bekannten griechischen Sängerin, die den Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit Angehörigen der griechischen Exilarmee in Westasien verbrachte.

Besichtigung des Kriegsmuseums

Darüber hinaus konnten die Seminarteilnehmenden im Keller des Kriegsmuseums eine Ausstellung über die griechische Militärdiktatur (1967–1974) besichtigen, die insbesondere die Rolle von Angehörigen der Streitkräfte im Widerstand gegen die Junta beleuchtet. Der Widerstand innerhalb des griechischen Offizierskorps zeigte sich besonders deutlich im Mai 1973, als die gesamte Offiziersbesatzung des Zerstörers „HS Velos (D-16)“ unter dem Kommando von Kapitän Nikolaos Pappas nach Italien überlief. Mit dieser Aktion lenkte sie die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf die Diktatur der Putschisten in Griechenland.

Am nächsten Morgen machten sich die Seminarteilnehmenden zu Fuß auf den Weg zur Festung Heptapyrgion im historischen Stadtviertel Ano Poli. Die oberhalb der Stadt gelegene Befestigungsanlage, deren Bau im 4. Jahrhundert begonnen wurde, diente vom späten 19. bis zum späten 20. Jahrhundert als Gefängnis. In den 1930er- und 1940er-Jahren wurden dort zahlreiche politische Gefangene inhaftiert.

Während der siebenjährigen Herrschaft der Militärjunta in Griechenland (1967–1974) wurde Heptapyrgion erneut als Haftanstalt für politische Gefangene genutzt. Nach dem Sturz der Junta und dem Beginn der Demokratisierung Griechenlands wurden alle politischen Gefangenen frei-gelassen. Das Gefängnis blieb jedoch bis 1989 in Betrieb. Heutztage unterliegt die gesammte Festung der Zuständigkeit des griechischen Kulturministeriums.

Blick von den Mauern der Festung Heptapyrgion auf das ehemalige Gefängnis

Das Nachmittagsprogramm wurde mit einem Besuch des beeindruckenden Museums für byzantinische Kultur fortgesetzt, das 1994 eröffnet wurde. Dort wird die Geschichte des Byzantinischen Reiches anhand von 3.000 Objekten in elf Ausstellungssälen vermittelt. Den Abschluss des zweiten Seminartages bildete eine Bootsfahrt, bei der die Teilnehmenden die Küste und den Hafen der Stadt vom Wasser aus erkunden konnten.

Nach einem morgendlichen Austausch über die Eindrücke und Themen des Vortages wurde das Seminar am Dienstag, dem 6. Oktober, mit einem Besuch des Jüdischen Museums Thessaloniki fortgesetzt. Während einer zweistündigen Führung und bei der anschließenden eigenständigen Erkundung des Museums erhielten die Teilnehmenden Einblicke in das Leben der jüdischen Bevölkerung Thessalonikis, in die von ihr gesprochene judäo-spanische Sprache Ladino sowie in ihre gesellschaftliche Stellung im Laufe der Jahrhunderte. Besondere Aufmerksamkeit galt der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Thessalonikis von der deutschen Besatzungs-macht und ihren Helfern deportiert und ermordet wurde.

Besichtigung des Jüdischen Museums in Thessaloniki

Der Tag wurde mit einer gemeinsamen Reflexion über den Museumsbesuch und einem Austausch über die gewonnenen Eindrücke fortgesetzt. Die Teilnehmenden betonten übereinstimmend, wie sehr sie das Museum beeindruckt habe und wie viele interessante Informationen sie während der fachkundigen Führung erhalten hätten.

Vor dem Abendessen folgte ein thematischer Rundgang durch das Stadtzentrum, bei dem mehrere historisch bedeutende Gebäude und moderne Denkmäler besichtigt wurden. Der von Fotis Kizakis, Geschäftsführer des Vereins Demotrust, geleitete Rundgang verdeutlichte erneut, wie allgegenwärtig die Spuren der 2.400-jährigen Stadtgeschichte im öffentlichen Raum sind.

Am Mittwoch, dem 7. Oktober, stand eine ganztägige Bustour auf dem Programm, bei der die Teilnehmenden mehrere historische Orte besuchten. Die Exkursion begann mit einem Besuch des militärischen Gedenkfriedhofs Zeitenlik. Nach dem Ersten Weltkrieg waren dorthin die sterblichen Überreste von mehr als 20.000 Angehörigen der französischen, serbischen, italienischen, britischen, russischen und griechischen Streitkräfte überführt worden. Nach einer Einführung in die Geschichte des Ortes besichtigten die Teilnehmenden das in den 1930er-Jahren errichtete Mausoleum im serbischen Teil des Friedhofs.

Mausoleum auf dem serbischen Soldatenfriedhof Zeitenlik

Anschließend machte sich die Gruppe auf den Weg nach Chortiatis, einem Dorf an den Hängen des gleichnamigen Berges südlich von Thessaloniki. Bekannt ist der Ort vor allem für das Massaker an 146 Dorfbewohnern, das die deutsche Wehrmacht mit Unterstützung einer pronazistischen griechischen Miliz, des sogenannten Sicherheitsbataillons, am 2. September 1944 verübte.

Es handelte sich um eine Vergeltungsaktion für einen Guerillaangriff der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS) auf deutsche Einheiten in der Nähe des Dorfes am frühen Morgen desselben Tages. An das Verbrechen erinnert ein 1960 errichtetes Denkmal mit den Namen aller Opfer. Gedenktafeln markieren zudem zwei Orte im Dorf, an denen Zivilisten in Häuser getrieben und bei lebendigem Leib verbrannt wurden.

Zentrales Denkmal für die Opfer des Massakers von Chortiatis

Auf dem Rückweg nach Thessaloniki legte der Bus einen kurzen Zwischenstopp in der Kleinstadt Vassilika ein. Dort besichtigte die Gruppe ein neu errichtetes Denkmal für die Opfer des Massakers im Zusammenhang mit der Schlacht bei Vassilika im Juni 1821. Vertreter der Gemeinde Thermi, zu der Vassilika heute gehört, sowie der Bildhauer und Denkmal-gestalter Georgios Tsiaras stellten das Denkmal und seine Bedeutung für die örtliche Gemeinschaft kurz vor.

Das Denkmal erinnert an den heroischen Widerstand und tragischen Tod der Soldaten und Zivilisten. Bei den Kämpfen in der Nähe der heutigen Ortschaft im Juni 1821 kamen griechische Aufständische sowie lokale Zivilisten ums Leben, die zu spät die Flucht vor den aus dem Norden vorrückenden osmanischen Truppen angetreten hatten. Diese wollten das weitere Vordringen der griechischen Revolutionäre verhindern.

Am Nachmittag wurde das Programm in Kalamaria fortgesetzt, einer ehemaligen Siedlung griechischer Flüchtlinge, die heute zu den Stadtbezirken im Süden Thessalonikis gehört. In der Gemeinde Kalamaria befindet sich das Historische Archiv des Flüchtlingshellenismus. Eleni Ioannidou, Forscherin und Archivarin der Einrichtung, stellte die Arbeitsschwerpunkte des Archivs vor. Dazu gehören die Bewahrung des kulturellen Erbes, die Erforschung der Geschichte griechischer Flüchtlinge und die öffentliche Vermittlung ihrer historischen Identität.

Während eines Rundgangs durch Kalamaria zeigte Ioannidou Orte, die für die lokale Flüchtlingsgeschichte von besonderer Bedeutung sind, von denen viele heute im öffentlichen Raum kaum noch sichtbar sind. Anschließend wurde die Arbeit des Archivs bei einer Präsentation in den Räumlichkeiten der Gemeinde näher vorgestellt. Dabei erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die thematische Ausrichtung und den Umfang der dort gesammelten Materialien.

Am Donnerstag, dem 8. Oktober, wurde das Seminarprogramm erneut im Stadtbezirk Kalamaria fortgesetzt, diesmal in den Räumlichkeiten des Kulturzentrums OkThess!. Bei der Reflexion über die Bustour des Vortages durch Thessaloniki und seine Umgebung wurde deutlich, wie nachhaltig die Besuche die Teilnehmenden beeindruckt hatten und wie viele Fragen sie aufgeworfen hatten.

Darauffolgend tauschten sich die Teilnehmenden in kleineren Gruppen darüber aus, welche Rolle bestimmte historische Themen in den Erinnerungskulturen ihrer jeweiligen Länder spielen und wie diese interpretiert werden. Dabei traten erhebliche Unterschiede in der Herangehensweise und Gewichtung historischer Themen zutage – u.a. hinsichtlich der Bedeutung, die dem Ersten Weltkrieg in den verschiedenen nationalen Erinnerungskulturen beigemessen wird.

Diskussion der Seminarteilnehmenden in Kleingruppen im Kulturzentrum OkThess!

Der Nachmittag des letzten Programmtages bot Gelegenheit, die Eindrücke der vergangenen Tage zusammenzuführen und zu reflektieren. Die Erfahrungen und Anregungen aus dem Seminar warfen weitere Fragen auf und eröffneten zugleich neue Perspektiven auf die Erinnerungskulturen der Herkunftsländer der Teilnehmenden.

Diese zeigten sich zufrieden mit der Vielfalt des Programms, das ihnen grundlegende Einblicke in zahlreiche Themen von Bedeutung für die Erinnerungskultur Thessalonikis und Griechenlands ermöglicht hatte. Vor dem abschließenden Abendessen nutzten sie die Gelegenheit zu einem weiteren kurzen Rundgang durch Thessaloniki, um sich von der interessanten und inspirierenden Stadt an der Nordküste der Ägäis zu verabschieden.

Das Projekt „European Culture(s) of Remembrance“ wurde von Markus Rebitschek (EJBW, Weimar) und Dr. Boris Stamenić (Retrovizor, Zagreb) konzipiert. Es wird mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt. Die Durchführung des Seminars in Griechenland wurde von der Stadt Thessaloniki, der Gemeinde Thermi und der Aristoteles-Universität Thessaloniki unterstützt. Die Kolleginnen und Kollegen des Vereins Demotrust – Fotis Kizakis, Alexandros Poulakis und Eva Zisi – trugen durch ihr Engagement wesentlich zur erfolgreichen Vorbereitung und Durchführung des Seminars „Europäische Erinnerungskulturen: Griechenland im Fokus“ bei. Informationen über die für das kommende Jahr geplanten Projektaktivitäten sollen bis Ende 2026 veröffentlicht werden.