
Vom 28. August bis zum 6. September 2026 fand in Weimar das zweite Internationale Sommercamp unter dem Titel „Youth in Cold-War Europe and beyond“ statt. Die Begegnung brachte 30 junge Erwachsene aus fünf europäischen Ländern, darunter Kroatien, zusammen.
Wie bereits in der ersten Ausgabe im vergangenen Jahr verband das Sommercamp auch diesmal Fragen der Populärkultur mit dem politischen und gesellschaftlichen Kontext der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie junge Menschen im Europa des Kalten Krieges aufwuchsen und welche Handlungsspielräume ihnen zur Verfügung standen.
Das Thema des Aufwachsens im Europa des Kalten Krieges wurde den Teilnehmenden durch verschiedene Aktivitäten aus dem Bereich der non-formalen Bildung nähergebracht. Durch die Auseinandersetzung mit Kontinuitäten und Veränderungen von der Zeit des Kalten Krieges bis in die Gegenwart sollten die Camp-Teilnehmenden dazu angeregt werden, über die Bedeutung der Bewahrung demokratischer Freiheiten in der heutigen Gesellschaft nachzudenken.
Einerseits wurde der Frage nachgegangen, wie verschiedene Regime in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchten, die Einstellungen und das Verhalten junger Menschen zu beeinflussen. Andererseits lag der Fokus darauf, wie einzelne Jugendliche und Jugendgruppen mit der damaligen staatlichen Jugendpolitik und den entsprechenden Praktiken umgingen, welche Möglichkeiten jungen Menschen damals zur Verfügung standen und welche Folgen die Ablehnung oder der aktive Widerstand gegen die geltenden Regeln und Normen hatte.

Zu Beginn des Camps stand das gegenseitige Kennenlernen im Mittelpunkt. Nach einer Einführung in das Programm beschäftigten sich die Teilnehmenden in ersten Workshops mit zentralen Begriffen aus dem Titel des Sommercamps und erhielten eine Einführung in den historischen Kontext der Sowjetischen Besatzungszone (1945–1949) und der Deutschen Demokratischen Republik (1949–1990).
Ein thematischer Stadtrundgang durch Weimar eröffnete anschließend einen lokalen Zugang zur Geschichte des Kalten Krieges. Im Mittelpunkt standen Orte, die mit der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Fall der Berliner Mauer verbunden sind. Auf diese Weise konnten die Teilnehmenden die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Weimar und Thüringen unmittelbar vor Ort kennenlernen.

Ein besonderer Programmpunkt war die Vorführung des rumänischen Spielfilms „Metronom“ (2022). Der Film erzählt die Geschichte einer Gruppe von Jugendlichen in Bukarest Anfang der 1970er-Jahre, die sich treffen, um gemeinsam ihre Lieblingssendung von Radio Free Europe zu hören. Anhand dieser Geschichte thematisiert der Film die Reaktion des rumänischen kommunistischen Regimes auf die zunehmende Popularität westlicher Rockmusik unter Jugendlichen.
Auch die persönlichen Erfahrungen von Menschen, die ihre Jugend in der DDR verbrachten, spielten eine wichtige Rolle im Programm. Im Gespräch mit der evangelischen Theologin Renate Ellmenreich, Jahrgang 1950, erhielten die Teilnehmenden Einblicke in ihren Alltag und ihre Erfahrungen in der DDR. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre leitete sie Junge Gemeinde in Jena. Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf ihrer Beziehung zu Matthias Domaschk, ihrem damaligen Freund und dem Vater ihrer Tochter.
Im April 1981 wurde der damals 24-jährige Domaschk in einem Zug festgenommen und zu Vernehmungszwecken in eine Untersuchungshaftanstalt gebracht. Seine Festnahme beruhte auf dem Verdacht, er sei nach Berlin gereist, um einen dort stattfindenden Parteitag zu stören. Zwei Tage später war Matthias Domaschk tot. Die offizielle Erklärung der Behörden, er habe in der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Gera Suizid begangen, wurde von Renate Ellmenreich und vielen anderen nie als glaubwürdig akzeptiert.

Das Leben von Matthias Domaschk stand auch im Mittelpunkt eines Stadtrundgangs durch Jena. Katharina Kempken vom Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ führte die Gruppe zu Orten, die für die oppositionelle Jugend in Jena in den 1970er- und 1980er-Jahren von Bedeutung waren. Der Rundgang vermittelte zugleich weitere Einblicke in den Alltag und die Lebenswelten junger Menschen in der DDR.

Am Nachmittag besuchte die Gruppe das erwähnte Archiv. Dort arbeiteten die Teilnehmenden mit vorbereiteten Quellen und Materialien zur Punkszene in der DDR. Sie beschäftigten sich unter anderem mit Übersetzungen von Liedtexten lokaler Punkbands “Katakombo” und “Airtramp”, die von der Staatssicherheit überwacht wurden, sowie mit Berichten des Ministeriums für Staatssicherheit über deren Aktivitäten.
Am nächsten Tag sprach der 1965 geborene Historiker Holm Kirsten über die Punk-Szene in der DDR der 1980er Jahre sowie über die Reaktion des Staates auf Jugend- und Subkulturen, die mit Protest und Nonkonformismus verbunden waren. Kirsten schilderte dabei auch seine eigenen Erlebnisse.
Im Oktober 1983 sprühten Holm Kirsten und einige Freunde Graffiti an Wände in Weimar. Wenige Tage später wurden sie wegen staatsfeindlicher Aktivitäten festgenommen. Anschließend verbrachte er sechs Monate in der Untersuchungshaftanstalt Andreasstraße in Erfurt, die vom Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) betrieben wurde.

Das Gespräch mit Holm Kirsten bildete zugleich eine hervorragende Vorbereitung auf den Besuch der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt am Folgetag. Der Vormittag in der thüringischen Landeshauptstadt war einer Führung durch die ehemalige Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit gewidmet. Zwischen 1952 und 1989 waren dort 5.039 inhaftiert, darunter auch Holm Kirsten.
Seit 2012 beherbergt das ehemalige Gefängnis – heute eine Gedenk- und Bildungsstätte – die Dauerausstellung „Haft, Diktatur, Revolution: Thüringen 1949–1989“. Im Anschluss an die Führung beantwortete Judith Mayer, Mitarbeiterin der Gedenk- und Bildungsstätte, zahlreiche Fragen der Teilnehmenden.

Die Eindrücke aus den Stadtrundgängen, Gesprächen und Begegnungen mit Expertinnen und Experten sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bildeten die Grundlage für eine individuelle kreative Auseinandersetzung. Zur Auswahl standen Schreiben, Weben, Zeichnen, Malen und die Gestaltung von Collagen. Zudem wurde technische Unterstützung bei der Erstellung digitaler Formate angeboten.

Am letzten Tag des Internationalen Sommercamps präsentierten die Teilnehmenden ihre Ergebnisse. Die künstlerische Bandbreite und Vielfalt der entstandenen Arbeiten waren beeindruckend. Die abschließende Diskussion und Auswertung zeigten, wie vielfältig die persönlichen Zugänge zum Thema und die während des Camps gewonnenen Erfahrungen waren. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekundeten, dass sie auch künftig Interesse an ähnlichen Aktivitäten hätten.
Eine Abschlussparty am Samstagabend mit Musik und Karaoke bildete den Ausklang eines spannenden und bereichernden Spätsommertreffens in Weimar.

Das Internationale Sommercamp wurde vom Verein Retrovizor in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungszentrum (EJBW) in Weimar organisiert.
Das Programm wurde von Rebekka Pfennig, Markus Rebitschek und Boris Stamenić konzipiert und umgesetzt. Unterstützt wurde die Organisation und Durchführung durch die Partnerorganisationen Antikomplex aus Tschechien und Dinamo Sintra aus Portugal.
Ermöglicht wurde die Durchführung des Internationalen Sommercamps durch die finanzielle Unterstützung der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland.

