Europäische Erinnerungskultur(en): Tschechien im Fokus

Videowand im Nationalen Museum in Prag

Das dritte Seminar im Rahmen des Projekts European Culture(s) of Remembrance fand vom 9. bis 15. März 2026 statt. An dem Seminar nahmen Teilnehmende aus zehn europäischen Ländern teil, denen zentrale Aspekte der tschechischen Erinnerungskultur durch Gespräche mit lokalen Akteuren sowie durch Besuche der Erinnerungsorte in Prag, Lety, Theresienstadt und Aussig vermittelt wurden.

Das Projekt European Culture(s) of Remembrance wird in Zusammenarbeit zwischen dem Europäischen Jugendbildungs- und Begegnungszentrum in Weimar (EJBW) und dem Verein Retrovizor aus Zagreb durchgeführt. Das Projekt ist als eine Reihe internationaler Seminare in verschiedenen europäischen Ländern konzipiert, mit einem besonderen Fokus auf die Repräsentation des Zweiten Weltkriegs und der Zeitgeschichte. Neben diesen historischen Bezugspunkten wird insbesondere der erinnernungskulturellen Repräsentation nationaler Minderheiten und benachbarter Bevölkerungsgruppen Aufmerksamkeit gewidmet.

Nach dem Auftakt im Jahr 2025 mit Seminaren in Deutschland und Kroatien wurde die Reihe mit einem einwöchigen Programm in der Tschechischen Republik fortgesetzt, das in Zusammenarbeit mit dem Verein Antikomplex aus Prag durchgeführt wurde. In Anknüpfung an die bisherigen Projektaktivitäten verband das Seminar Studienbesuche, Fachvorträge und Diskussionen mit lokalen Akteurinnen und Akteuren im Bereich der Erinnerungskultur und bot zugleich Raum für transnationalen Austausch unter den Teilnehmenden.

Das Programm begann am Montag, dem 9. März, mit der Ankunft der Teilnehmenden in Prag und einer einführenden Kennenlernphase. Am Dienstag, dem 10. März, wurde das Seminar in den Räumlichkeiten des Klosters Emauzy offiziell eröffnet, wobei zunächst das Projektkonzept sowie der Programmablauf vorgestellt wurden. Im Anschluss hielt Dr. Václav Sixta (Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag) einen einführenden Vortrag zur tschechischen Erinnerungskultur. Dabei strukturierte er Deutungen der Vergangenheit im tschechischen öffentlichen Raum anhand dreier analytischer Kategorien: heroische Narrative, Nostalgie sowie Trauma und Versöhnung.

Am Nachmittag besuchten die Teilnehmenden das Nationalmuseum am Wenzelsplatz und setzten sich mit der Dauerausstellung zur Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander. Die Ausstellung begreift die Geschichte Tschechiens im 20. Jahrhundert als einen Modernisierungsprozess, der durch ideologische Umbrüche geprägt wurde bzw. von globalen Ereignissen, insbesondere den Weltkriegen, beeinflusst wurde.

Durch ihren kuratorischen Ansatz und die Auswahl der Exponate bot die Ausstellung eine spannende Antwort auf die Frage, wie sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Museum darstellen lässt. Bemerkenswert ist, dass die Ausstellung zahlreiche Objekte aus der Alltagsgeschichte integriert, darunter Urlaubssouvenirs, erotische Magazine und Musikposter, und damit den Rahmen der Nationalgeschichte hinaus der üblichen Themen erweitert.

Artefakte der Ausstellung „Geschichte des 20. Jahrhunderts“ im Nationalmuseum in Prag

Im Anschluss nahmen die Teilnehmenden an einem thematischen Stadtrundgang durch den Prager Stadtteil Holešovice teil, der von Thomas Elmecker (Antikomplex) geleitet wurde. Im Mittelpunkt standen die Deportation der Prager Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs sowie Erinnerungsorte im öffentlichen Raum des Stadtteils. Besondere Aufmerksamkeit galt den Veränderungen der Erinnerungskultur von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Der Rundgang endete am Bahnhof Bubny, wo künftig eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Deportation und Verfolgung der tschechischen Jüdinnen und Juden entstehen soll.

Das Denkmal „Tor ohne Wiederkehr“ wurde 2015 neben dem Bahnhof Bubny in Prag errichtet.

Am Mittwoch, dem 11. März, wurde das Seminar durch eine Reflexionsrunde, gefolgt von Vorbereitungen für den Besuch der näheliegenden Gedenkstätte Lety fortgesetzt. Die im Mai 2024 eröffnete Gedenkstätte befindet sich am Ort eines ehemaligen Internierungslagers für Roma während des Zweiten Weltkriegs. Der Historiker Michal Schuster (Antikomplex) hielt einen Vortrag zur Geschichte der Roma und Sinti in der Tschechoslowakei zwischen 1918 und 1989, mit besonderem Fokus auf Diskriminierung und Gewalt vor und während des Zweiten Weltkrieges.

Anschließend wurde der Dokumentarfilm Lety (2019) gezeigt, der die langjährigen Bemühungen von Aktivistinnen und Aktivisten sowie Angehörigen der Roma-Gemeinschaft dokumentiert, eine angemessene Erinnerung an das ehemalige Lager zu etablieren und die in den 1970er Jahren errichtete Schweinemastanlage vom Gelände zu entfernen. Die schließlich erfolgte Entfernung der Anlage und die Errichtung der Gedenkstätte – eröffnet im Frühjahr 2024 – wurden durch eine Vereinbarung zwischen der Regierung und den Eigentümern des Geländes ermöglicht.

Besichtigung der Gedenkstätte Lety mit Michal Schuster

Am Nachmittag besuchten die Teilnehmenden die Gedenkstätte Lety. Im Eingangsbereich der Gedenkstätte befindet sich eine Büste des Roma-Aktivisten Čeněk Růžička, der sich über Jahrzehnte hinweg für deren Errichtung eingesetzt hatte. Zunächst besuchten die Teilnehmenden die Ausstellung und die große Parkanlage mit Informationstafeln. Darauffolgend erhielten sie im Rahmen eines Gesprächs mit der Aktivistin Růžena Dordová eine persönliche Perspektive auf den langjährigen Kampf um die Anerkennung des Ortes sowie auf die gegenwärtige soziale Lage der Roma in der Tschechischen Republik.

Am Donnerstag, dem 12. März, wurde das Seminar in Theresienstadt (Terezín) fortgesetzt, einer Kleinstadt, die im November 1941 in ein Sammel- und Durchgangslager für Jüdinnen und Juden umgewandelt wurde. Im Ghetto-Museum, das Teil der Gedenkstätte Theresienstadt ist, setzten sich die Teilnehmenden mit Ausstellungen zum Alltag im Lager auseinander. Besonders eindrücklich war die Sammlung von Zeichnungen, die von im Ghetto inhaftierten Kindern angefertigt wurden.

Besichtigung der Ausstellung im Ghetto-Museum in Theresienstadt

Im Anschluss führten die Teilnehmenden ein Gespräch mit den Kuratorinnen Radana Rutová und Iva Rapavá, die das Konzept einer neuen Dauerausstellung vorstellten, deren Eröffnung nach einer umfassenden Renovierung für das Jahr 2029 geplant ist. Thematisiert wurden zudem öffentliche Kontroversen über die geplante bauliche Erweiterung des Museums sowie das Verhältnis der lokalen Bevölkerung zur Gedenkstätte und ihrer Besucher.

Das Abendprogramm umfasste die Vorführung des tschechoslowakischen Films Der weite Weg (Daleká cesta, 1948), der die Verfolgung der Prager Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Der Film, der kurz nach Kriegsende entstand, bietet eine vielschichtige Darstellung der tschechischen Gesellschaft in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Obwohl der Film eine öffentliche Premiere 1949 hatte, verschwand er kurz darauf aus den tschechoslowakischen Kinos. Daher blieb er einem breiten Publikum bis zur Wende 1989 weitgehend unbekannt.

Eingang zur Kleinen Festung in Theresienstadt

Am Freitag, dem 13. März, besuchten die Teilnehmenden die Kleine Festung in Theresienstadt, die im Zweiten Weltkrieg von SS und Gestapo als Gefängnis und Folterstätte genutzt wurde. In angrenzenden Gebäuden, die einst der Unterbringung deutscher Einheiten dienten, befinden sich heute Ausstellungen zur Geschichte der Theresienstadt im Kontext der deutschen Besatzung.

Anschließend besuchten die Teilnehmenden die Ausstellung in den Magdeburger Kasernen, in der zahlreiche erhaltene Zeichnungen, Briefe, Gedichte und Holzarbeiten von Ghettoinsassinnen und -insassen präsentiert werden. Eine rekonstruierte Schlafstätte vermittelte einen Eindruck von den schwierigen Lebensverhältnissen im Ghetto. Während Terezín vor dem Krieg etwa 7.000 Einwohner zählte, überschritt die Zahl der Inhaftierten während des Krieges zeitweise 50.000. Insgesamt wurden mehr als 150.000 Menschen während des Zweiten Weltkriegs im Lager Theresienstadt interniert, von denen nur etwa ein Viertel die Befreiung im Jahr 1945 erlebte.

Rekonstruktion eines Schlafsaals für Lagerinsassinnen in Terezin

Am Freitagnachmittag widmete sich das Seminar den tschechisch-deutschen Beziehungen. Prof. Dr. Matej Spurný (Karls-Universität Prag) hielt einen Vortrag über die Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern. Dabei fokussierte er die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, die durch Gewalt und die Vertreibung von mehr als drei Millionen Deutschen geprägt war. Diese Ereignisse belasteten die bilateralen Beziehungen über Jahrzehnte hinweg, doch zeichnen sich in jüngerer Zeit Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung ab. Ein Ausdruck dieser Tendenz sei die geplante Durchführung des Sudetendeutschen Treffens im Mai 2026 in der Tschechischen Republik – erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, betonte Spurný.

Am Samstag, dem 14. März, reisten die Teilnehmenden nach Aussig (Ústí nad Labem), eine Grenzstadt, aus der nach dem Zweiten Weltkrieg die überwiegend deutsche Bevölkerung vertrieben wurde. Nach einem Stadtrundgang besuchten sie die Ausstellung Unsere Deutschen (Naši Němci) im Regionalmuseum, die eine vielschichtige Darstellung der multiethnischen und mehrsprachigen Geschichte Böhmens über acht Jahrhunderte hinweg bietet.

Politische Plakate im Rahmen der Ausstellung „Unsere Deutschen“ in Aussig

Das Seminar endete am Samstagabend mit einer abschließenden Reflexionsrunde, in der die Teilnehmenden ihre Eindrücke austauschten. Die Abreise erfolgte am Sonntag, dem 15. März. Die Seminarreihe, die im März 2025 in Deutschland begonnen hatte, wird im Oktober 2026 in Griechenland fortgesetzt.

Das Projekt Europan Culture(s) of Remembrance wurde von Markus Rebitschek (EJBW, Weimar) und Dr. Boris Stamenić (Retrovizor, Zagreb) konzipiert und wird mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt. Das Seminar in Tschechien wurde Dank der Kofinanzierung aus Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und einer nachhaltigen Unterstützung von Marie Smutna, Peter Sokol und weiteren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verein Antikomplex erfolgreich implementiert.